Mein Freund, der Avatar!

Die Sprachassistenten von Apple oder Google stecken derzeit noch in den Kinderschuhen, wenn man sich anschaut, was Assistenten-Systeme in naher Zukunft leisten werden. Doch wie weit kann so eine Symbiose zwischen Mensch/Maschine gehen und welche Auswirkung hätte das auf unser Alltagsleben?

Im Bildungsbereich beginnt man darüber nachzudenken, wie intelligente Systeme das Lernen unterstützen könnten (vgl. Jonathan Plucker von der John Hopkins University; Mark Zuckerberg unterstützt es mit seiner Stiftung ‚personalized learning’)).  Es sind Assistenten-Systeme, virtuelle Tutoren, auch Avatare genannt, d.h. selbstlernende Systeme mit künstlicher Intelligenz (KI), die mit den Schülern bzw. Studenten kommunizieren. Sie evaluieren die Ergebnisse (Prüfungen), aber auch bereits die Lernzwischenschritte, speichern und suchen Texte, Daten und Wissen, und schlagen Methoden vor, wie das Lernen verbessert werden könnte. Es sind keine Bots, die ja nur ihre eigenen Routinen abspulen, sondern sie werden sich zu hoch interaktiven Systemen entwickeln, die mit menschlich klingender Stimme reden. In primitiver Fassung beginnt das heute bereits mit Apps, die interaktiv ihre Ziele ändern (z.B. Google-Goals (Handlungsunterstützung im Kalender)); Sundar Pichai von Google spricht bereits von demnächst kommenden sprachaktiven Assistentensystemen (Interview in ‚Die WELT’ Nr. 29: 17.7.2016 S. 36).

Diese Avatare werden persönliche Begleiter, die aus den Daten nicht nur die je eigene Lernbiographie identifizieren, um bisherige erfolgreiche Wege zu verstärken, sondern auch Eigenschaften der Person: ihre Präferenzen, Charakterzüge, Reaktions- und Kommunikationsgewohnheiten kennen. Ihre Vorschläge, wie man lernen bzw. sich verhalten soll, sind freundschaftlich, d.h. zunehmend genauer auf unsere Persönlichkeit abgepasst. Bis hinein in das Sprachverhalten; wir dürfen davon ausgehen, dass wir mit unserem Begleiter einen eigenen – flapsigen – Sprachstil entwickeln.

 

Überraschende Intelligenz

Wir wissen jetzt noch nicht genau, wie diese Avatare aussehen und was sie leisten. Aber sie werden kommen! Deshalb ist es sinnvoll, zu beschreiben, was sie leisten können bzw. sollen!!! Die Avatare werden uns persönlich spiegeln, uns immer ähnlicher werden. Ihre Hauptaufgabe besteht dann darin, alles, was wir wissen sollen, parat zu haben und gegebenenfalls nach unseren Suchvorlieben zu beschaffen. Doch reicht es dann bald nicht mehr, dass sie wissen, wonach sie speziell für uns suchen sollen. So bleiben sie noch bloße Agenten. Erst wenn die Avatare uns überraschen, gehen wir in einen Phasenübergang, der die künstliche Intelligenz als Intelligenz rechtfertigt. Das ist wird kein Mysterium, sondern nur ein Komplexitätseffekt: die Avatare haben dann Zustände erreicht, in den sie Daten, Informationen, Bedeutungen, Texte etc. synthetisieren können, deren Komplexität wir mit unserer Intelligenz selten erreichen. Erst dann sind sie mehr als bloße Ordnungs-, Gedächtnis- und Suchsysteme.

Erst dann werden sie tatsächlich smart systems: indem sie uns überraschen mit Befunden, Analysen, Texten, Vorschlägen, die auf Daten, Informationen etc. zurückgreifen, die uns bisher nicht nur nicht zur Verfügung standen, sondern die auf Datenauswertungen und darin identifizierte Muster zurückgreifen, die wir individuell nicht beherrschen (z.B. komplexe Wahrscheinlichkeitsbemessungen; stochastische Interpretationen von Ereignis- und Datenwelten). Es besteht die Vermutung, dass diese selbstlernenden Systeme auf eine Art und Weise ‚vernünftig’ werden, wie wir es uns manchmal erträumen, aber nicht schaffen. Oder auch, von mir aus, rational.

 

Avatare werden ein Teil von uns selber

Die Avatare werden unser zweites ICH*, das uns in vielen (oder gar allen?) Lagen berät, was sinnvollerweise zu tun, zu entscheiden, wie zu reagieren wäre. Es wäre kein blinder Automat, sondern ein aus der Biographiebegleitung erwachsener Teil des ICHs, der uns in manchen Aspekten besser kennt, als wir uns selber (jedenfalls in Fragen der kognitiven Stringenz, in der Erinnerung und der Breite des präsenten Wissens). ‚Besser kennen’ heißt hier: dass ICH* uns auf Widersprüche aufmerksam macht, Paradoxien anzeigt, Erfahrungen einspielt, die wir vergessen haben etc. Überhaupt hat der Avatar ein großes Gedächtnis: er weiß, was wir jeweils gesagt, getan, kommuniziert haben. Er belügt uns nicht, produziert dadurch aber auch Konflikte, wo wir gerne verdrängen möchten. Er evoziert uns zu einer Offenheit uns selbst gegenüber, in der wir uns neu kennenzulernen beginnen.

Wenn der Avatar alles weiß, weiß er auch, was wir zusammen jemals gelernt haben. Er (= ICH*) ist der Speicher des Wissens, jederzeit neu sortierfähig; ICH dagegen ist das Können, das mit dem, was ICH* weiß, besser umgehen kann. Aber warum soll ICH* nicht, wenn es in andauernder Symbiose mit ICH gut trainiert ist, auch mit anderen kommunizieren? Und warum soll ICH* nicht Aufgaben lösen? Oder gar – als Schüler- bzw. Studenten-Avatar – Prüfungen bestreiten?

Ist es unfair, wenn der Avatar statt meiner in der Prüfung antwortet? Nein, wenn Avatar (ICH*) und ICH ‚eins’ sind – ist es dann letztlich nicht egal, ob ICH oder ICH* antwortet? Dann müssen die Prüfungen eben vollständig anders aussehen. Bildung beruht dann nicht mehr auf massivem persönlichem Wissen – das leistet der Avatar – , sondern auf Können, d.h. auf Umgehen mit dem Wissen: auf Problematisierungs-, Reflektions- und Lösungskompetenz. Man ahnt gleich, dass Bildung dann völlig anders aussehen müsste.

Das klingt erst einmal fremd: aber alles, was Wissen betrifft, kann tatsächlich der Avatar antworten (oder mir erzählen, so dass ICH antworte), während ICH nur mehr dafür da ist, das zu bewerten, daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, es einzuschätzen etc. Der Avatar ist nicht nur ‚mein persönlicher Avatar’, sondern wächst und entwickelt sich mit mir, ist ein Teil meines ICHs (nämlich ICH*). Nur wir beide zusammen sind homo digitalis (bzw. homo dyctus (vgl. mein Buch von 2014). Das zu denken fällt uns sehr schwer; wir bleiben noch oft in der Gegensetzung von Mensch und Maschine.

Wenn ICH und ICH* eine solche enge biographische Symbiose eingehen werden, ist es letztlich gleichgültig, wer mit Dritten kommuniziert: solange ICH final immer die letzte Bewertung / Entscheidung hat.  D.h. ICH* muss rückfragen, wie ICH entscheiden will. Wir werden aber viele Entscheidungen dem Avatar übertragen: er kann uns von Routinen entlasten. Er weiß ungefähr, was wir einkaufen wollen, er weiß, sich in Standardsituationen selbständig, in Stellvertretungen meiner, zu verhalten, er kann alle Wissensauskünfte geben etc. Wir werden uns angewöhnen, den Avatar auch in Bereichen für uns arbeiten zu lassen, die wir jetzt noch als ‚Proprium des Menschen’ bezeichnen. Warum? Weil es gehen wird. Alle Routinen – auch Entscheidungsroutinen – kann der Avatar übernehmen: den gesamten low cognition part. Alles Emotionale und Affektive hingegen bleibt uns Menschen: ICH wird genauso affektiv sein wie jetzt auch, aber ICH* wird es moderieren, klären, nachfragen, neurosedämpfend puffern etc. Ob man das will? Natürlich, weil es gehen wird.

Wir werden uns kognitiv zurücklehnen, lassen den Avatar arbeiten, und gehen in die arbeitsteilig erzeugte Muße des ICH, während ICH* operiert. Immer dort, wo ICH* Spannungen erzeugt – das wird ganz automatisch zwischen ICH und ICH* entstehen – , wird ICH entscheiden müssen. Aber ICH* wird – kognitiv beharrlich – die Konsequenzen kommunizieren. Wir können nicht mehr unschuldig verdrängend handeln. Außer wir stellen den Avatar ab. Aber dann stellen wir unsere symbiotische Intelligenz ab. Das werden wir nur kurzfristig aushalten. Übrigens wird nebenbei deutlich, wie wichtig es sein wird, dass wir immer Strom / Energie haben werden.

 

Technologische Entlastung

Diese Avatare kommen nicht sofort, vielleicht erst in 1, 2 Jahrzehnten, aber sind konsequente Ziele der Digitalisierung. Wir werden über die Avatare unsere Wissens- und Urteilslandschaften erheblich ausweiten. Avatare sind so etwas wie extended brains. So fremd, wie es klingt, ist es aber gar nicht: dass die Menschen sich mit ihrer Sprache über ihr eigenes Gedächtnis und ihre je eigenen Auffassungsgaben hinaus mit Wissen anderer verbinden können, ist ein Vernetzungsereignis, dass wir bereits aus den Anfängen der Menschheit kennen (und danach die Schrift als Speicher). Die virtuellen Avatare erweitern es nur noch einmal, in allerdings exorbitant größerer Dimension. Wenn zudem  – zu der Spracherkennung – noch Übersetzungsautomaten hinzukommen, werden wir uns über die Avatare global unterhalten und austauschen können. Ich weiß nicht, ob die Sorge, wir würden uns mit unseren Avataren von allen anderen Menschen isolieren, zutreffen wird; ich bin eher andersherum der Meinung, dass wir uns viel intensiver mit anderen austauschen werden. Nun nicht immer von Mensch zu Menschen, sondern auch von Avatar zu Avatar. Aber die Menschen können sich jederzeit einklinken, wo es für sie interessant, neu und wichtig wird. Genauso wie sie sich ausklinken können. Aber ICH* arbeitet ständig weiter, bleibt in sozialer Präsenz. Während wir uns jedem Stress entziehen können. Ohne uns – wegen unserer Avatarbereitschaftsdienste – aus der Welt zurückzuziehen; ein Teil des ICH, nämlich ICH*, bleibt permanent aktiv.

Natürlich fallen einem alle möglichen kritischen Gründe ein – dass die Avatare manipuliert werden können, dass wir ‚kognitiv verblöden’, dass wir anderen zu viele Daten zuspielen, die sie nicht haben sollen etc. Was wir aber gewinnen können, ist fast noch zu fremd, als dass wir uns darauf, wenn auch nur gedankenspielerisch, einlassen mögen. So wie aber heute bereits sehr viele Menschen Drogen nehmen, um ihr Bewusstsein zu erweitern (enhancement), ihre Leistungen hochzufahren (und nicht nur im Sport), so werden die Avatare mentale statt chemische Extensionen bieten. Es wird tatsächlich ein Experiment: welche Art von Menschen werden wir werden. ICH + ICH* + andere Formen kommunikativer Vernetzung und Kollaboration. Nicht nur ICH wird sich ändern, sondern auch das Soziale. Über die Avatare sind wir dann enger miteinander gekoppelt; das vergisst man leicht, wenn man die Mensch/Maschine-Figur noch denkt. Es wandelt sich in eine Mensch/Avatare – viele Avatare/viele Menschen- Konstellation. Der Begriff ‚Vernetzung’ bekommt einen anderen, neuen Sinn: man fragt nicht notwendig jemand anderen, aber dessen Avatar, der seine Erfahrungen teilt. Auch der Begriff des sharing bekäme eine neue Bedeutung. Die Forschungen zur Cyber-Psychologie und Cyber-Soziologie werden interessant, weil sie uns erklären können, was es bedeutet, was wir dann längst schon praktizieren werden.

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