Wirtschaftskrise

Die Corona-Krise ist die größte Wirtschaftskrise seit jeher, ohne dass wir es mit einem Marktversagen zu tun haben (wie noch in der Lehmann-Krise). Das Virus erfordert Maßnahmen, die für die Wirtschaft wie ein externer Shock wirksam werden. Es geht um Leben und Tod, d.h. um eine Dimension, die für die Wirtschaft gewöhnlich nicht von Bedeutung ist. Wir haben es mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Änderungen zu tun, die man vordem niemals für möglich gehalten hatte, oder zumindest nur allmählich und nicht alle zugleich. Um welche Prozesse geht es?

  1. Um das Aussetzen von Produktion, Wertschöpfung und Wachstum durch Verbote bzw. durch politische Regulation zur Gesundheitswiederherstellung.
  2. Verminderung des Konsums. Das Hamstern ist nur ein Indikator dafür, dass sich die Menschen auf das Wesentliche beim Einkaufen konzentrieren. Vor allem aber schränken Ausgehverbote die Kaufzeiten ein; die E-Commerce-Lieferungen  werden durch Kapazitätsgrenzen zumindest gestört (Lebensmittellieferdienste nehmen keine Aufträge mehr an).
  3.  Home working. Im laufenden Betrieb reorganisieren sich die Unternehmen, die klassische Form der Angestelltenarbeit endet, Management und Organisation müssen sich darauf einstellen.
  4. Momentan ist die Globalisierung eingebrochen. Die Firmen werden sich erheblich umstellen, um weniger abhängig von einseitigen Wertschöpfungsketten zu werden.
  5. Ende der Freizeitkultur (Restaurant, Kneipen, Clubs, Events etc.). Der Feierabend, das Wochenende sind sozial ‚ausgetrocknet‘.
  6. Ende der Kultur. Sämtliche Kulturangebote sind ausgesetzt; auch Film-, Video- und Streaming-Produktion sind abgebrochen, weil die Teams aus z.T. 20 – 50 Personen bestehen. Zu groß.
  7. Ende des Autokaufs.
  8. Ende des Tourismus (Reisen, inklusive Flüge!, Hotels, Airbnb etc.)
  9. Positive CO2-Bilanzen.

Es zeigen sich vier große Tendenzen:

  • Einschränkung der Mobilität: – international (gestrichene Flüge, Einreiseverbote), – national (Hotelverbote, eingeschränkter Reiseverkehr), – lokal (Ausgehverbote)
  • ‚Halbierung‘ der Arbeit. Viele Betriebe schließen, nur die Krankenhäuser, Lebensmittellieferanden, Polizei, Feuerwehr, Altenpfleger etc. arbeiten nur, gleichsam im Dienst an der Gesellschaft
  • Wachstum ist beendet.
  • Die Öffentlichkeit verschiebt sich auf TV und Social Media.

Der Beginn des Degrowth

Im Grunde haben wir aktuell einen Zustand, der dem entspricht, den die kapitalismuskritischen Vertreter einer Postwachstumstheorie als Alternative vorgeschlagen haben. Degrowth, Ent-Wachstum ist eingetreten, mit vielen Aspekten: Abbruch des globalen Kapitalismus mit seinem aggressiven Wettbewerb, Änderung der Konsumkultur: weniger Kaufen, auf die Grundnahrungsmittel zurückkommen, Eindämmung der weltweiten Tourismusschwemme, klimatologische Erholung durch Absenkung von Flügen und Autoverkehr.

Das Corona-Postwachstum hat seinen Preis, den wir mit Insolvenzen, vielen Arbeitslosen und mit einem damit einhergehenden sinkenden Wohlfahrtslevel zahlen.

Das Postwachstum ist schlagartig eingetreten, by desaster, not by design, wie sich es die Vertreter des Konzeptes eigentlich wünschen. Postwachstum ist aber im Corona-Fall kein Akt der Bewusstseinspolitik, sondern einfach das Ergebnis starker anti-epidemischer Maßnahmen. Die Einsicht dafür kommt nicht aus der Reflektion der Wachstumsfolgen, sondern aus der Furcht vor hohen Sterberaten. In Sein und Zeit hatte Heidegger eine Fundamentalrelation benannt (Dasein, Angst, Sorge, Tod): in der „Geworfenheit“ seines „Daseins“ (seiner Existenz) sei der Mensch in die „Sorge“ um die Zukunft gestellt und zum „Entwurf“ genötigt. Niemand hat daraus jemals eine Ökonomie erdacht (außer Karel Kosik, der Marxist), aber heute zeigt sich, dass jenseits aller materiellen Maximierung eine ‚Ökonomie der Sorge‘ sich entfaltet, die das Leben in der Gesellschaft, die Form des Sozialen, der Geselligkeit, und die Nachfrage nach Gütern aus der Angst vor dem Tod als eine extreme Vorsicht gestaltet.

Unabhängig davon, ob man den Postwachstumsvorstellungen anhängt oder eher skeptisch ist, erleben wir im unverhofften Großexperiment der globalen Wirtschaftsgesellschaften Änderungen, die man sich ohne den Virus-Schock nicht zugetraut hätte (oder auch gar nicht gewollt haben würde). Jetzt bleibt die bedeutsame Frage, was davon post coronam erhalten bleibt? Eines ist deutlich: die Gesundheitssysteme müssen erheblich saniert und reorganisiert werden. Und auch wird deutlich, dass die Digitalisierung einen großen Sprung machen wird, wenn man bedenkt, dass Firmen sich auf home working einstellen, dass Schulen, Behörden, Universitäten etc. künftig viel stärker digital arbeiten werden. Wie weit das home working, mit seiner relativen Autonomie, die Hierarchien und Organisationen der Unternehmen nachhaltig wandeln wird (new work nun ganz pragmatisch), bleibt genauso zu beobachten wie die neuen Verknüpfungen globaler Wertschöpfungsketten und ein ganz anderer Umgang mit Rohstoffen. Ob wir später noch soviel fliegen müssen (weil die digitalen Konferenzen einfacher sind), ob der Tourismus wieder die alten Massendimensionen einnehmen wird, ob wir die Freiheiten, die wir im globalen Verkehr hatten, aufrechterhalten, ob die Finanzmärkte und ihre Kreditversprechen wieder die vorherigen Dimensionen einnehmen dürfen – alles offene Fragen, aber mit Sicherheit werden Spuren der Postwachstumsphase, die wir gerade durchlaufen, später bleiben und eine andere Gesellschaft und ihre Wirtschaft ausbilden. In welchem Maße wird sich erst durch den Verlauf der Corona-Krise zeigen können, wieweit der Stress, der in der Gesellschaft anwachsen wird, inwieweit Insolvenzen und Arbeitslosigkeiten andere politische Phänomene hervorbringen, über die wir heute noch gar nicht nachzudenken trauen. Das Krisen-Management kann ja schief gehen, weil es selber experimentell und erfahrungslos ist.

Wie werden nachher verhindern wollen, dass uns das Gleiche wieder passiert? Das Virus bleibt, bildet Mutationen. Und Andere kommen. Die global verflochten Welt ist eine reife Frucht für Virenfluten.

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